Dilemma

Sucht das Vollkommene im Unvollkommenen,
Und wisst um das geteilte Vollkommene.
Seht die Facetten des Edelsteins,
Und wisst, der ganze Edelstein seid ihr nicht.
Doch erblickt ihr auch nur den Schimmer des Glanzes,
Ist euch das Licht nicht mehr entbehrlich.

Ja

Wie die Erinnerung an eine Scheibe Brot,
Dessen Geschmack noch am Gaumen hängt
Und man sich fragt,
Habe ich denn wirklich jemals gespeist?
Wie die Erinnerung an einen Schluck Wein,
Dessen Süße noch die Kehle kühlt
Und man sich fragt,
Habe ich denn wirklich jemals getrunken?
Wie die Erinnerung an einen Kuss,
Dessen Zartheit noch die Seele berührt
Und man sich fragt,
Habe ich denn wirklich jemals geliebt?

Origo

Beim Gehen
Zog mir die Liebe
Die Haut aus
Und hinterließ
Nichts als Scham.
Sie hüllt mich ein
Und lässt mich
Nach innen blicken.
Trockene Stille
Schenkt mir die Leere,
Die ich behutsam fülle.
Aus der Verletztheit
Des Nichts entsteht,
Was wahrhaftig ist.

Der offene Kreis des Lebens

Ich stehe auf einer kleinen Holzbrücke, unter mir fließt ein Bach reinsten Wassers. Darin tummelt sich das Leben, darauf treiben Blätter. Eines dieser Blätter fällt mir besonders auf. Von anmutiger Farbe und schöner Form treibt es nicht mit den anderen mit. Trotz der Strömung verharrt es an einer Stelle. Will es denn nicht weiter, frage ich mich, will es denn nicht vorankommen? Oder ist es da angekommen, wo es sein will? Oder bleibt es da, weil es nicht ankommen will, weil, dort, wo es ankommen würde, nicht bleiben könnte? Oder hat es Angst vor der Unvorhersehbarkeit der Strömung, oder ist es vielmehr seine Stärke, dazu zu stehen, wo man steht? Oder ist dieses Blatt lediglich gefangen in einem Strudel, aus dem kein Entkommen gibt? In einem womöglich selbst heraufbeschworenen Strudel? Sonderbare Gedanken, die mir in den Sinn kommen, und das Gefühl, selbst dieses widerspenstige Blatt zu sein, lässt mich nicht los. Ich schaue noch eine Weile von oben auf das Wasser. Dann komme ich zu mir und gehe weiter und nehme dieses kleine Blatt im Herzen mit. Ich nehme mich mit, ich nehme mich an mich, ich nehme mich an.