Hysterese

Das Gegenteil von „simpel“ ist „komplex“, das von „komplex“ ist „simpel“. Von „simpel“ zu „komplex“ zu gelangen, ist nicht einfach. Aber von „komplex“ zu „simpel“ auch oft kopliziert. Und nicht selten kommt man woanders an, als man wohin wollte. Und auf dem Rückweg sowieso.

Vor dem Spiegel

Beim Rasieren habe ich mich heute ernsthaft gefragt, wie durch dieses Dickicht ich überhaupt an meine Haut gelange. Nein, ich habe keinen Bart, ich war mir selbst nur so fremd. Wo bin ich denn überhaupt? Und dann dachte ich, wahre Liebe erwartet nichts, und wahre Aufopferung nimmt nichts an. Die Wahrheit soll für mich aber bitte dazwischen liegen! Dann habe ich mich weiterrasiert. Zumindest den, der vor dem Spiegel stand.

Die Ballade von Peter Silie

Ein hochgewachsener Mann, stolze Staude seines Stamms, trat vor die Tür, wie der Tag begann. Zum Himmel und der Erde blickte er geschwind, denn sein Weg führte gegen den Wind. Seine Hände wieselflink suchten nach einem Halt, ein Blinzeln links, ein Blinzeln rechts, er sah aber keinen weit und breit. Seine Augenlider – so dünnhäutig waren sie nicht – sangen ihm doch tapfer ein Lied vom Glück. Trugbilder oder nicht, er schritt aus und folgte ihnen, aber wie gesagt, immer noch ohne den begehrten Halt. Auf die Knie fiel er oft beim Gehen, auch mal auf Wertvolleres beim Stehen, aber sein Wille trieb ihn, ließ nicht los. Los, los! „Aber wohin gehe ich, mein Vater?!“, suchte er bei seinem Gott oft Rat. Nur keine Antwort rauschte in die Gänge seines Gehörs hinein. Laut war die Stille wie die Nacht, und dunkel das Licht, das in seine Augen drang. Aber nichts hielt ihn auf, kein Wind oder Schmerz, keine wortlose Stille, auch kein dunkles Pech. Er wollte ja, er wollte gehen, und ankommen am Ende des Weges eben. Peter, der Mann, der vom Stamme Silie kam, ging so weiter immer hoffend und fort, um Wurzel schlagen zu können auf einem Kamm. „Da oben, da oben wartet das Glück auf mich!“, sagte er zu sich. Und eines Tages, ja, viele Jahre vergingen, erreichte er ihn halt. Hoch oben auf dem Berg stand er da und blickte auf die Welt hinab. „Hier bin ich also, mich mühsam hochgeschleppt. Und da sage ich nur, was für ein Depp! Dem Himmel bin ich nicht näher gekommen, dafür den Boden unter meinen Füßen fast verloren!“, so sinnierte er und dabei wild mit den Augen gerollt. Doch sein Groll wich einem Seufzer, denn unweit stand eine sie, eine Fee, eine Schönheit, wie eine Lilie, die – oh Wunder – ihrerseits auf der Suche nach ihrem Silie war. Sie sah ihn vor Tagen in der Ferne irren, und hob eine Wimper von ihm auf, mitgerissen von seinen verzweifelten Tränen in die Tiefe. Sie rief und rief, er hörte sie aber nicht. Sie lief und lief, er war aber viel schneller als ihre Beine. So eilte sie ihm auf den Berge nach, und trug die einsame Wimper auf Händen zu ihm hoch auf den Kamm. Sie standen nun nebeneinander Peter Silie und die Lilie beide Hand in Hand – zur Beruhigung, die Wimper wurde schon längst wieder bei ihm eingehakt – und dachten darüber nach, wie sie vom Kamm schleunigst wieder runterkommen, denn dieser war noch lange nicht der Höhepunkt, der ihnen Gott ersann.
… Und jetzt liegen sie selig Seit an Seit, wenn sie nicht wieder aufgestanden seien.

Ausgeschwärmt

Darf ich mich zu dir setzen?
Ja, natürlich.
Wo schaust du hin? So dunkel weit und breit.
Siehst du es nicht?
Was?
Ich schaue einem Schwarm nach.
Einem Vogelschwarm? Ich sehe nichts.
Nein, keine Vögel, Gedanken jagen davon.
Deine?
Meine. Eine Menge schon.
Schöne Gedanken?
Sind sie nicht alle schön?
Für mich nicht.
Gedanken leben. Alles, was lebt, ist schön.
Wie klingen deine Gedanken?
Sie klingen bauschig grün wie ein Gedicht.
Schenkst du mir einen?
Einen kann ich nicht, kann nur mehr.
Gerne, wirf sie her.
Fang! Kannst du das Kind lesen, wenn es schreit?
Ja, und meistens nein.
Aber es weiß, was es will, nur sagen kann es nicht.
So ist es, ein Wunsch gefangen in lautem Pein.
Und wenn uns etwas fehlt, wissen nur nicht, was?
Dann, im Umkehrschluss, hören wir uns nicht.
Genau! Gut erkannt!
Du meinst, wie Erinnerungen, die davonfliegen?
Ja, wie ein Vogelschwarm. Da haben wir es!
Gib mir einfach deine Hand.
Ich gebe sie dir, sie ist kalt.
Aber meine warm.
Und was ist nun mit meinem Schwarm?
Ich sehe ihn jetzt, keine Angst.
Siehst du ihn wirklich?
Wahrhaftig ja, ein Gedanke sitzt bei mir.
Ich sitze hier!
Das meine ich doch, mit mir Hand in Hand.

Vermenschlicht

Wenn Engel zu Menschen werden – weiß der Himmel, warum -, was fühlen sie dann? Drückt und zerrt ihr Körper nicht an ihnen? Und wird ihre freie Seele darin nicht erdrückt? Ich frage mich auch, ist es für sie eine Erschütterung, das erste Mal Wonne zu erleben? Und dann gut oder schlecht? Und wenn es sich so anfühlt, sie würden bis zum Hals im Sumpf des Lebens stehen auf einem Baumstupf balancierend, und somit im Morast doch nicht untergehen, sich aber auch nicht fortbewegen, wünschten sie dann ihre Flügel nicht zurück? Oder reicht es, sich zu erinnern, was sie waren? Kann man überhaupt vollständig zu etwas anderem werden, wenn man früher ganz anders war? Ich bin ein Mensch taggenau seit sechsundfünfzig Jahren. Und ich erinnere mich immer noch.