Ausgeschwärmt

Darf ich mich zu dir setzen?
Ja, natürlich.
Wo schaust du hin? So dunkel weit und breit.
Siehst du es nicht?
Was?
Ich schaue einem Schwarm nach.
Einem Vogelschwarm? Ich sehe nichts.
Nein, keine Vögel, Gedanken jagen davon.
Deine?
Meine. Eine Menge schon.
Schöne Gedanken?
Sind sie nicht alle schön?
Für mich nicht.
Gedanken leben. Alles, was lebt, ist schön.
Wie klingen deine Gedanken?
Sie klingen bauschig grün wie ein Gedicht.
Schenkst du mir einen?
Einen kann ich nicht, kann nur mehr.
Gerne, wirf sie her.
Fang! Kannst du das Kind lesen, wenn es schreit?
Ja, und meistens nein.
Aber es weiß, was es will, nur sagen kann es nicht.
So ist es, ein Wunsch gefangen in lautem Pein.
Und wenn uns etwas fehlt, wissen nur nicht, was?
Dann, im Umkehrschluss, hören wir uns nicht.
Genau! Gut erkannt!
Du meinst, wie Erinnerungen, die davonfliegen?
Ja, wie ein Vogelschwarm. Da haben wir es!
Gib mir einfach deine Hand.
Ich gebe sie dir, sie ist kalt.
Aber meine warm.
Und was ist nun mit meinem Schwarm?
Ich sehe ihn jetzt, keine Angst.
Siehst du ihn wirklich?
Wahrhaftig ja, ein Gedanke sitzt bei mir.
Ich sitze hier!
Das meine ich doch, mit mir Hand in Hand.

Blickfang

Heute überraschte mich ein Gedanke, gar überfiel er mich im Gehen, so dass ich plötzlich nicht wusste, ob er in meiner Welt, oder ich in seiner wandle. Es dünkte wild in mir herum, ob mein Blick auf die Welt, oder die Art, wie ich Dinge und Zusammenhänge sehe, sich mit der Zeit dermaßen geändert haben, dass ich mich mit meiner Sicht nicht mehr hier gefangen, sondern außerhalb von allem stehe, und von dort auf dieses Sein und Treiben zwar nicht resigniert, aber doch geduldig desinteressiert herniederblicke. Es fühlte sich so an – wohl aus der Perspektive des Lebens – wie die Erkenntnis eines Wassertropfens kurz vor dem Einschlag, bald kein Individuum mehr zu sein. Er verschmilzt mit der Pfütze, und schaut vor dem finalen Zerfließen gen Himmel, wo sein Weg begann. Interessant ist nur, dass die Rückkehr nach oben dem Ex-Tropfen gegeben, indem er mithilfe der Sonne vom Boden vaporisierte. Er verlässt das Tal der Tränen (ist der Vergleich nicht großartig?), und vereinigt weiter oben zu sich selbst, um dann bis zum erneuten Aufprall wieder nicht zu wissen, wo das Ende begann. Was ist aber hierfür die Analogie für einen Menschen? Kann die Seele verdampfen? Vielleicht abhauen schon, aber das nur am Rande. Oder vom Rande des Lebens verschwinden? Ich bin aber abgeschweift (warum eigentlich nicht „abgeschwiffen“? – das wäre komisch-logisch; wir bleiben jedoch lieber konform-unlogisch). Aber zurück zu den wildernden Gedanken, die mich mit Gewalt außerhalb von meiner selbst platziert haben. Stopp, ich komme hier nicht weiter. Schließe jetzt lieber die Augen, und erst wenn ich sie aufs Neue öffne, erblickt die Fortsetzung die Welt.

Tag zwei. Jetzt sitze ich in der Bahn. Am Bahnsteig viele junge Menschen, sie warten, und mein Zug rast an ihnen vorbei. Ich suche in mir. Warum empfinde ich eine solche Distanz zu ihnen? Sind wir nicht alle von der gleichen Gattung auf Erden? Dennoch, ich fühle mich wie ein einzel-einsamer Kirschkern in einem Kompott. Dann lege ich die Worte zusammen: diese Menschen scheinen für mich wie aus der Zukunft zu sein, in die sie eilen. Doch nicht aus meiner. Sie sind rückprojizierte Geister aus einer Zeit, deren Teil ich auch bloß als Geist gewesen sein werde. Wir sind jedenfalls füreinander nur Erscheinungen, die fermionenartig sich gegenseitig zumindest nicht den gleichen Platz streitig machen. Mehr aber nicht, sie für mich, oder ich für sie. Wie auch immer, immer das Gleiche, nicht existent in der gleichen Realität. Sonderbar, nicht? Ich spüre aber auch, meist brainwashed wandeln sie in dieser Welt, die ich sehe, in einer Welt, die bald nicht mehr meine, und irgendwann auch nicht ihre sein wird, was sie aber nicht beachten. Sie denken, sie leben ihr Leben, doch oft rennen sie an ihm vorbei, und vergessen, dass sie auch mal aus einer Wolke kamen. Und ich armer Tropf sitze noch in meiner Bahn, und denke, ich bin allein, und falle in einer Geisterwelt am Ende unweigerlich doch in meine Pfütze hinein. Ich frage mich aber auch, wie ich mein jetziges Geisterdasein noch mit Leben füllen kann.

Und warum heißt dieser Beitrag „Blickfang“? Das kann sich jeder selbst zusammenreimen. Mein Gedanke war, dass ich meinen eigenen Blick fangen kann. Oder deinen? Oder deinen? Ihren? Seinen? Oder ist sie oder er ein Blickfang? Pfui, so was darf man heutzutage nicht mehr sagen! Also mache ich mich lieber unter meinen Augenlidern in einem verstohlenen Augenblick auf die Jagd, und fange einen freilaufenden Gedanken radikal ein.

Vermenschlicht

Wenn Engel zu Menschen werden – weiß der Himmel, warum -, was fühlen sie dann? Drückt und zerrt ihr Körper nicht an ihnen? Und wird ihre freie Seele darin nicht erdrückt? Ich frage mich auch, ist es für sie eine Erschütterung, das erste Mal Wonne zu erleben? Und dann gut oder schlecht? Und wenn es sich so anfühlt, sie würden bis zum Hals im Sumpf des Lebens stehen auf einem Baumstupf balancierend, und somit im Morast doch nicht untergehen, sich aber auch nicht fortbewegen, wünschten sie dann ihre Flügel nicht zurück? Oder reicht es, sich zu erinnern, was sie waren? Kann man überhaupt vollständig zu etwas anderem werden, wenn man früher ganz anders war? Ich bin ein Mensch taggenau seit sechsundfünfzig Jahren. Und ich erinnere mich immer noch.

Sturm auf die Bastille

Wie ein Pilger geh‘ ich ihr entgegen,
auf Knien dieser Festung von Leben.
Erobern will ich sie, zurückgewinnen,
ihre Mauern einreißen,
und ich will singen!
Besingen alle Verluste,
all die gefallenen Jahre!
All das Blut in fremden Adern,
die meines vergossen haben.
All den vergeudeten Atem,
allen Schrei und alles Flüstern,
alle Tage, die nicht zurück können.
Und das Schöne will ich auch beweinen,
die Bilder die durch meine Knochen jagen.
Doch genug der Wehmut, genug des Jammerns,
Die Burg wollte ich erobern, genug!
Die Einsamkeit auf die Knie zwingen,
das ist das höchste Ziel auf Zinnen!
Und mich wieder nach Hause bringen,
in das Haus, das ich Leben nenne.
Eine Bastille ich doch nicht kenne,
es ist nur eine bescheidene Hütte.
Eine, die nun in der Sonne stünde!

Adamas mundi

… und wenn ich darin säße, ihn nicht nur von außen sähe? Säße in seiner Mitte, und von dort auf die Welt blickte, was sähe ich denn? Sähe ich gar etwas? Hart glänzt er mich an, seine Facetten schneiden das Licht. Und von innen? Oder habe ich das schon gefragt? Ich weiß es nicht, denn ich sitze schon drin. Hier ist es kalt, bin gefesselt an alles, was sich nach innen wand. Unbewegt verfolge ich den Fluss der Zeit, geboren und gestorben das gleiche Mal sitze ich in der Unendlichkeit. Der härteste Stoff auf Erden, dem Leben gleich. Und weich macht er alles, was sich naht. Mann, Frau, doch nicht das Kind. Denn ihm ist es gleich, ob Glas funkelt oder ein Diamant. Ist das die Antwort, die mich bewegt? Ob es nur so scheint von innen, oder immer funkelt die Welt? Ich frage das Kind: „Komm her, setz dich zu mir. Was siehst du, was ist erhellt?“. Es spricht zu mir: „Nichts, mein Herr, ich sehe nichts, ich höre aber, wild schlägt dein Herz. Ich höre, es hört nicht auf, bald wird der Diamant zersprengt!“. Ich atme nicht, hauche nur. Ist mein Herz wohl härter als der Stein? So sieht es mich wirklich, ist das wahr? Ich bete, bitte nicht! Dann halte ich meinen Herzschlag an, Blut strömt aus meiner Hand. Gott! Gott? Wer bin ich denn? „Mein Sohn, du bist das Kind!“. Kein Blitz, kein Donner, nur rot färbt sich der Diamant! Und in Liebe getränkt kommt das Jesuskind auf die Welt.

Ich bin da.

Zeitloser Friede umhüllet mich, so sanft hält er mich in seiner Hand.