Himmelsspektakel

Es ist wohl kaum bekannt, dass der Blitz nicht von oben, sondern von unter schlägt lichte Bahn. Zunächst tastet eine Idee ihren Weg hernieder ab, die, wie ein Kanal leitet die Entladung von unten nach oben ein. Gaia lockt erst so den Himmel zu sich herunter, doch nur sie steigt zu ihm auf und gebiert Licht und Donner. Also auch hier, wie immer und überall, wählt die Frau, mit wem sie zusammen leuchten mag. Und was macht der Mann, so der Himmel in diesem Fall? Er behält nur scheinbar die Oberhand. Er ruft „Komm!“, und die Frau antwortet darauf „Nur, wohin ich will!“. Aber immerhin zeichnet er einen Pfad und bereitet ein Feld, worüber sie ihre Schönheit ausbreiten kann.

Die Macht des Ja

In unregelmäßigen Abständen spielt mir ein Freund Gedanken des Rabbi Shaul Rosenblatt aus London zu, die ihn per Newsletter erreichen.

Anfang Oktober standen folgende Zeilen in meiner Mailbox:

„There is no difference between human and animal.“ (Yom Kippur prayers)

und Rabbi Rosenblatt erläuterte weiter:

„This can be read differently – ’no‘ is the difference between human and an animal. A man can say no, an animal cannot. An animal is driven by its desires and instincts. A hungry lion cannot help but hunt and eat. A hungry human being can choose to eat or not. It is this ability to say ’no‘ that makes us human.“

Ich antwortete meinem Freund auch diesmal prompt, wie so oft, und teile ihm meine etwas abweichende Meinung zu dem Thema mit, auch wie so oft.

Nicht, dass der Rabbi in meinen Augen unrecht hätte, ich sehe es nur ein bisschen anders, denn seine Deutung stimmt nur bedingt mit meinem Bild von der Welt überein.

Nein sagen zu können unterscheidet uns wahrhaftig vom Tier, denn in der Lage sind wir gewiss, bewusst etwas Schlechtes zu unterdrücken. Doch Ja sagen zu können macht uns erst zum höheren Wesen, dem Menschen, denn nur auf diese Weise entscheiden wir uns gezielt für etwas Gutes.

Nein ist ein Dagegen. Ja ist ein Dafür. Ich bin wegen des Letzteren ein Mensch und wegen des Ersteren kein Tier.

Und wozu sagt Gott Ja, so dass wir ihm in dieser Hinsicht untergeordnet, und er über uns steht? Des Menschen Nein ist in diesem Fall sein Zweifel, doch Gottes Ja sein unerschütterliches Vertrauen in uns. Nicht der unsere, sondern sein Glaube schlägt eine leuchtende Brücke in die Menschenwelt, auf der an seiner ausgestreckten Hand wir wandeln unserem Lebensweg entlang.

Aber sag‘, Rabbi, gibt es denn Gott, und wie ist er? Du schweigst? Vielleicht weißt du es selbst nicht. Doch ob Jude, Moslem oder Christ, Buddhist oder Atheist, niemand kann leugnen, die Liebe ist allgegenwärtig!

… und bei jedem Schritt auf der Brücke flüstere ich mein ewiges Mantra, das einfache Ja zur Liebe.

Richtungen

In der Bahn frage ich mich manchmal, wie soll ich sitzen, in welche Richtung soll ich blicken? In Fahrtrichtung blicke ich in meine Zukunft, sehe, was auf mich zukommt, aber nicht, was aus ihr geworden ist. So sitze ich gerne auch mit dem Rücken dazu, denn dann beginnt meine Zukunft in der Gegenwart und eine zeitlang hallt sie auch nach aus der Vergangenheit. So kann ich besser reflektieren und noch ausgedehnter verarbeiten, was gerade geschieht. Aber zurück nach vorne, das mag ich auch überaus gerne, denn so eile ich einer Zukunft entgegen mit Vorfreude. Gleiches abgebildet aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Sonderpaar

Ich fragte mich mal,
Was kann eine Welle reiten, nur eine andere Welle gar?
Nein, doch wenn eine Welle es ist, aufgetürmt jagen sie davon!
Ich fragte mich auch,
Was kann einen Stern umkreisen, nur ein anderer Stern wohl?
Nein, doch wenn ein anderer Stern es ist, wird ihr Tanz wunderbar!
Ich fragte mich noch,
Was kann einen Wirbelwind umarmen, nur ein anderer Wirbelwind?
Nein, doch wenn ein anderer Wirbelwind es ist, wird das Wilde sanft!

Horizonte

Mitten im Ozean auf einer Insel hoch auf einem Felsen sitzt ein Wesen. Bunt ist es und breit. Oder länglich und weit? Farblos? Leuchtend weiß jedenfalls? Hinter ihm eine Werkbank, darauf Spänen. Woraus sind die eben? Aus Holz, Metall oder nur dem Leben? Unter ihm das Wasserall. Die Augen geschlossen blickt er um sich, lauscht dem Wind, der seine Knöchel umschlingt, den Wellen, die sich schmeicheln oder fallen übereinander her. Die Arme ausgestreckt will es den Horizont berühren, an sich ziehen, um sich hüllen. Eine Landschaft stellt es sich vor mit Feldern von Rapps, Lavendel und Mohn gesprenkelt im grünem Gras. Weiche Hügel, frische Täler, ein Wald wie aus dem Märchenland erfüllen seinen Geist. Dann zieht es seine Hände ein und fragt sie „Was habt ihr die ganze Zeit gemacht? Das Leben gehobelt und geknetet auf bekannte Art?“ Ein Leuchtturm wollte es sein für alle Boote, die auf See gerieten in Gefahr. Aber auch bei Sonnenschein wollte es ihnen den Weg weisen … unvorstellbar. Sein Blick weiter umzingelt von trübem Allerlei schließt er die Augen wieder und sagt „Was ist vorne, was ist hinten, ist nur eine Frage der Perspektive, und man selbst auch ein Horizont für andere“, der aber nur erreichbar, wenn … so springt es ins Wasser in die Wellen, verlässt seine Insel, seine Werkbank, und nimmt sein Leben mit in unbekannte Welten. Schwimm, kleines Wesen, schwimm!