Wenn Engel zu Menschen werden – weiß der Himmel, warum -, was fühlen sie dann? Drückt und zerrt ihr Körper nicht an ihnen? Und wird ihre freie Seele darin nicht erdrückt? Ich frage mich auch, ist es für sie eine Erschütterung, das erste Mal Wonne zu erleben? Und dann gut oder schlecht? Und wenn es sich so anfühlt, sie würden bis zum Hals im Sumpf des Lebens stehen auf einem Baumstupf balancierend, und somit im Morast doch nicht untergehen, sich aber auch nicht fortbewegen, wünschten sie dann ihre Flügel nicht zurück? Oder reicht es, sich zu erinnern, was sie waren? Kann man überhaupt vollständig zu etwas anderem werden, wenn man früher ganz anders war? Ich bin ein Mensch taggenau seit sechsundfünfzig Jahren. Und ich erinnere mich immer noch.
Sturm auf die Bastille
Wie ein Pilger geh‘ ich ihr entgegen,
auf Knien dieser Festung von Leben.
Erobern will ich sie, zurückgewinnen,
ihre Mauern einreißen,
und ich will singen!
Besingen alle Verluste,
all die gefallenen Jahre!
All das Blut in fremden Adern,
die meines vergossen haben.
All den vergeudeten Atem,
allen Schrei und alles Flüstern,
alle Tage, die nicht zurück können.
Und das Schöne will ich auch beweinen,
die Bilder die durch meine Knochen jagen.
Doch genug der Wehmut, genug des Jammerns,
Die Burg wollte ich erobern, genug!
Die Einsamkeit auf die Knie zwingen,
das ist das höchste Ziel auf Zinnen!
Und mich wieder nach Hause bringen,
in das Haus, das ich Leben nenne.
Eine Bastille ich doch nicht kenne,
es ist nur eine bescheidene Hütte.
Eine, die nun in der Sonne stünde!
Adamas mundi
… und wenn ich darin säße, ihn nicht nur von außen sähe? Säße in seiner Mitte, und von dort auf die Welt blickte, was sähe ich denn? Sähe ich gar etwas? Hart glänzt er mich an, seine Facetten schneiden das Licht. Und von innen? Oder habe ich das schon gefragt? Ich weiß es nicht, denn ich sitze schon drin. Hier ist es kalt, bin gefesselt an alles, was sich nach innen wand. Unbewegt verfolge ich den Fluss der Zeit, geboren und gestorben das gleiche Mal sitze ich in der Unendlichkeit. Der härteste Stoff auf Erden, dem Leben gleich. Und weich macht er alles, was sich naht. Mann, Frau, doch nicht das Kind. Denn ihm ist es gleich, ob Glas funkelt oder ein Diamant. Ist das die Antwort, die mich bewegt? Ob es nur so scheint von innen, oder immer funkelt die Welt? Ich frage das Kind: „Komm her, setz dich zu mir. Was siehst du, was ist erhellt?“. Es spricht zu mir: „Nichts, mein Herr, ich sehe nichts, ich höre aber, wild schlägt dein Herz. Ich höre, es hört nicht auf, bald wird der Diamant zersprengt!“. Ich atme nicht, hauche nur. Ist mein Herz wohl härter als der Stein? So sieht es mich wirklich, ist das wahr? Ich bete, bitte nicht! Dann halte ich meinen Herzschlag an, Blut strömt aus meiner Hand. Gott! Gott? Wer bin ich denn? „Mein Sohn, du bist das Kind!“. Kein Blitz, kein Donner, nur rot färbt sich der Diamant! Und in Liebe getränkt kommt das Jesuskind auf die Welt.
Ich bin da.
Zeitloser Friede umhüllet mich, so sanft hält er mich in seiner Hand.
Wie ein Wald vor dem Baum
Oh, wie schön, wenn es heißt:
„So sagt man es nicht, du hast einen Fehler gemacht!“
Aha, denke ich, es war ein Wortspiel, du Held, das aber abseits der ausgetretenen Pfade in deinem lichten Wortschatzwald wie ein Komet nur den Boden, aber nicht deinen Geist erhellt. Geblendet hat es dich, nicht wahr? Und in all deiner Verwunderung über das Wie und Was, oder vielleicht nicht mal das … ach, ich fliege lieber weiter, und lande nicht.
Curiositas
Neulich habe ich darüber nachgedacht, was mich interessiert, reizt, wofür ich noch brenne im Leben. Ich gelangte auf Umwegen prompt zu der Erkenntnis, dass alles Seiende, bereits Erschaffene und das ganze Gehemnis darum meine Aufmerksamkeit kaum noch zu binden vermag. Nein, ich weiß natürlich nicht schon alles, es wäre überheblich, gar anmaßend zu behaupten, ich wüsste auch nur einen Bruchteil davon, doch eben deswegen kann ich meine restliche Zeit auf Erden nicht mehr mit der Jagd nach infinitesimalen Erkenntnissen materieller Art vergeuden. Zu ergründen, warum etwas so ist, wie es sich zeigt, ist nicht mehr meins. Vielmehr fesselt mich, wie aus dem Nichts etwas Abstraktes entstehen kann, und dieser Prozess oder dessen Resultat Gefühle in einem auszulösen weiß. Zum Beispiel, wie Sinn in einem Satz entsteht, der das Herz zum weinen bringt, oder wie Licht, reflektiert von einem Gesicht, die Seele dessen Trägers durch die Linsen einer Kamera und die Augen, die das fertige Bild erfasst, sich mit der Seele des Betrachters verstrickt. Das ist es, was mich zum Leuchten bringt, hierfür ist das Leben so erlebenswert! Für mich. Da bin ich. Für dich.