Am seidenen Faden

Vor einigen Jahren in einem Frankreichurlaub haben wir beobachtet, wie sich ein Mauersegler an einer Hauswand an Stromleitungen verfangen hat. Der eine Flügel in den Kabeln verheddert, der andere flach an der Außenmauer herunterhängend blickte der kleine sonst so schnelle und wendige Vogel verwirrt und wie gelähmt mit hastigen Kopfbewegungen umher. Passanten beobachteten die verzweifelten und offensichtlich schmerzhaften Bemühungen des Vogels, sich immer wieder ruckartig aus der Gefangenschaft zu befreien versuchen. Wir standen auf der anderen Straßenseite überflutet von Mitgefühl, ich mit einem Kloß im Hals, meine Frau mit Tränen in den Augen und sinnierten still über unsere Hilflosigkeit, für den Segler etwas tun zu können. Wenn ich jetzt zurückdenke, ging es uns wohl gar nicht um den individuellen Schmerz des kleinen Vogels, sondern vielmehr darum, wie sehr das Sinnbild der Freiheit und Geschmeidigkeit der Lüfte einem Zufall oder einer zu wagemutigen Annäherung an die vermutete, doch unbekannte Beschränkung seines Freiraums, oder eben den Folgen einer Unachtsamkeit, einer Selbstüberschätzung ausgeliefert war.

Wenn ich den Vogel durch Menschen und die Gefahr der Mauer sowie der Kabel durch unvorhersehbare Wendungen und Verzweigungen des Schicksals ersetzte, dann … ich frage mich, darf man denn überhaupt träumen? Darf man auch mal unbedarft durch das Leben schreiten? Darf man mit geschlossenen Augen das Auto durch die nächtliche Landschaft lenken? Darf man sich nach hinten fallen lassen? Darf man die Kontrolle abgeben, um schwerelos zu sein? Darf man …?

Ja, denn es ist die Pflicht des Lebens Neues zu erleben, sich zu erfahren, die Gezeiten der Gefühle auszuloten. Auch wenn man glaubt aus dem Spinnennetz der Verirrungen nicht mehr zu entkommen, muss man es tun.

Wir haben unsere Blicke abgewendet, konnten die Zuckungen des Vogels nicht mehr ertragen, und gingen einige Schritte weiter. Aber dann haben wir doch zurückgeblickt, denn wir wollten sehen. Und wir haben gesehen! Der Vogel war nicht mehr da, hat sich befreit, hat nicht aufgegeben, seine Flügel durchschnitten die Luft wieder über unseren Köpfen. Er war wieder frei, mauerseglerfrei. Wir haben vor Freude geschluchzt und fühlten uns kurz auch frei, so gut es Menschen halt können.

Sternenstill

Gestern Abend habe ich mit Schrecken realisiert, dass in drei Wochen Weihnachten schon fast vorbei ist. Dieser letzter Monat im Jahr, so voller Erwartungen und möglicher Enttäuschungen. Es fühlt sich an, wie, sonderbar, wie eine Schürfwunde, die vor sich hinnässelt. Ach ja, ich und meine Bilder! Was soll ich machen? So fühlt es sich an. Tut sie oder tut sie doch nicht weh? Heilt sie oder doch nicht? Diese parallelen Striche der Wunde auf der Haut sind gar dekorativ. Bist du übergeschnappt? Dann pustet man darauf, es bringt Linderung, eine Berührung schmerzt. Ich berühre sie aber immer wieder, denn ich bin neugierig. Auf den Schmerz? Nein, auf mich selbst.

Ich freue mich immer wieder auf Weihnachten. Ich freue mich auf die Zeitdämmerung zwischen Weihachten und Silvester. Ich mag diesen Zustand der Unsicherheit. Ich spüre den vorgezeichneten Lebensweg des Jesuskindes mit all den Wunden und der finalen Wunde, mit seinem Opfer für die Menschen. Ich mag hinübergleiten in das neue Jahr, tagelang schweben, leben, genießen, einfach sein. Ich mag es. Doch alles ist so laut um mich. Die ganze Welt rennt, hält nicht inne. Die Jugend schreit in Extase oder in Wutfreude, und die Alten wollen Schritt halten, so machen sie ihr Leben auch klangbuntlaut. Wartet! Seht ihr nicht? Meine kleine Wunde am Arm? Seht ihr nicht, das kleine Kind in der Futterkrippe? Seid mal leise! Hört, sein Blut fließt für Euch, jetzt und in alle Ewigkeit.

Auf meine Schürfwunde fällt eine Träne. Mein Lebenssalz brennt bis ins Herz hinein. Still, bitte, seid still, nur ganz kurz, sternenstill …

Beziehungs42

Neulich sagte eine junge Frau zu mir, sie sei kein komplizierter Mensch, man müsse sie nur „lesen“ können. Welch eine Weisheit und paradoxe Wahrheit! Ich habe nur leider die Schwierigkeit, dass ich nicht schnell genug lesen kann, bevor sich der Text ändert.

Aufbruch

Angelangt am Lebens Dach im Sein,
Die Baumkrone verästelt und fein.
Schultere Engel, ihr Singsang im Ohr,
Sehe nichts als Nebel und Moor.
Ich höre die Stimmen, sie sprechen zu mir,
Ein unverständliches Sprachgewirr.
Geister die zerren, ziehen und reißen,
Ihre Zähne sich an mir festbeißen.
Ein Kampf im Äther, es wirbelt und kreischt,
Ich Sterblicher inmitten werde zerfleischt.
Um der Geister Irrwege zu entkommen,
Will ich die Zeit besonnen
Verbannen in die Unendlichkeit,
Weg von Zukunft und Vergangenheit.
Erkennen will ich den eigenen Pfad,
Weitblick, nicht Blindheit vor Gutmütigkeit.
Waten werde ich durch Wasser, Land und Lüfte,
Mit schweren Beinen weiter bis an eine Küste
Meines eigenen Lebens voller Leichtigkeit!